Christen pro Ethik (CpE)

Theologische und anthropologische Reflexionen

Berlin, 1. Juli 2009

Auf dem Weg zu einer Gemeindekirche

Statement für das Gespräch der „Christen pro Ethik“ mit Präses Andreas Böer und Generalsuperintendent Ralf Meister

Karl Martin

Die Diskussion um die Kampagne „Pro Reli“ im Vorfeld des „Volksentscheids über die Einführung des Wahlpflichtbereichs Ethik/Religion“ in Berlin am 26. April 2009 hat deutlich werden lassen, dass es unter evangelischen Christen verschiedene Auffassungen über das Wesen von Kirche gibt. Wir halten es für sinnvoll, wenn diese verschiedenen Auffassungen miteinander ins Gespräch kommen.

Das Anliegen von „Pro Reli“ wurde nach den Erfahrungen unserer UnterstützerInnen zu wenig in den Gemeinden diskutiert. Kirche wurde weitgehend von oben nach unten praktiziert. Abweichende Meinungsäußerungen wurden als unerwünscht erlebt. Die Kampagne hat Menschen frustriert, empört und verletzt. Die erfahrene Abwertung der eigenen Meinung wurde von vielen als Abwertung ihrer Person erlebt. Das steht im Gegensatz zu dem Bild von Kirche, dem wir uns verbunden wissen.

Nicht die Schule, sondern die Gemeinde ist der primäre Ort von religiöser Sozialisation und biblischer Unterweisung. Der Freiwilligkeit kirchlicher Angebote entspricht die Freiheit derer, zu deren Nutzen und Gebrauch diese Angebote gemacht werden. Kirche kann im Kern nicht organisiert bzw. durch organisatorische Maßnahmen gesichert werden, sondern sie ist – genauso wie der Glaube – ein Geschenk des Heiligen Geistes und gehört deswegen zu recht in den Bereich des dritten Artikels des Glaubensbekenntnisses.

Der Kirchenrechtler Hans Dombois unterscheidet die primären von den sekundären Gestalten von Kirche. Primäre Gestalten von Kirche nennt er die Gemeinde und die weltweite Ökumene (Universalkirche). Sekundäre Gestalten nennt er die später hinzugekommenen institutionellen Organisationseinheiten (Dekanate / Kirchenkreise, Propsteien, Landeskirchen, EKD). Es ist wohl nicht zufällig, dass das EKD-Impulspapier „Kirche der Freiheit“ sich vornehmlich mit den „sekundären“ Gestalten von Kirche befasst. Die „primären“ Gestalten dagegen werden weitgehend vernachlässigt. Ähnlich sieht es in der von uns in der Zeit der Kampagne erneut schmerzlich erfahrenen Praxis aus. Die Christinnen und Christen in den Gemeinden sind nicht dazu da, dass sie den amtskirchlichen Funktionsträgern auf den sekundären Organisationsebenen zustimmen und gehorchen. Vielmehr haben alle sekundären Institutionsformen die Aufgabe, das gemeindliche Leben an der Basis helfend und dienend zu unterstützen.

Die Gemeinde ist die primäre Gestalt von Kirche. Sie ist der Ort, an dem Menschen ihres Glaubens gewiss werden und gemeinsam in den Lebensvollzug ihres Glaubens hineinwachsen. Auch die Evangelische Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz (EKBO) steht in dieser theologischen Tradition.

1. In der Grundordnung der EKBO heißt es im einleitenden Grundartikel: Die Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz „bejaht die Theologische Erklärung von Barmen als ein schriftgemäßes, für den Dienst der Kirche verbindliches Bekenntnis“. Die 3. These der Barmer Erklärung betont, dass die Kirche primär Gemeinde ist: „Die christliche Kirche ist die Gemeinde von Brüdern“ und Schwestern. Aus dem Wesen als Gemeinde ergeben sich sehr konkrete Vorstellungen für das Miteinander: „Die verschiedenen Ämter in der Kirche begründen keine Herrschaft der einen über die anderen, sondern die Ausübung des der ganzen Gemeinde anvertrauten und befohlenen Dienstes.“

2. Günter Jacob, aktiv in der Bekennenden Kirche, 1946-1972 Generalsuperintendent für die Neumark und die Niederlausitz, 1963-1966 in nebenamtlicher Verwaltung Bischof der Berlin-Brandenburgischen Kirche im Ostteil, war unermüdlich darum bemüht, das Erbe der Bekennenden Kirche im Neuaufbau nach dem Krieg wirksam werden zu lassen. Für ihn müssen der Einzelne und die Gemeinde im Mittelpunkt kirchlicher Ansprache stehen. Günter Jacob „prägte den Begriff vom ’Ende des konstantinischen Zeitalters’, den er bereits 1947 öffentlich konstatierte und der EKD-Synode 1956 vortrug. Er warnte davor, ’fromme Täuschungen als Restbestände aus der [bürgerlich-christlichen] Welt von gestern aufzubauen’ (1947). Angesichts der wachsenden Säkularisierung in Deutschland … plädierte er dafür, daß Kirche und Christen sich den Herausforderungen als Minderheit in einer nachchristlichen Gesellschaft stellen und als Chance wahrnehmen für eine glaubwürdige Verkündigung.“

3. In der Berliner Evangelischen Wochenzeitung „die Kirche“ 26/2009 vom 28. Juni 2009 (3. Sonntag nach Trinitatis) ist der Artikel „Erwachen zur Mündigkeit“ von Jürgen Moltmann abgedruckt. Jürgen Moltmann ist emeritierter Professor für Systematische Theologie in Tübingen. Sein Artikel geht auf einen Vortrag zurück, den er aus Anlass des Jubiläums 75 Jahre Barmer Theologische Erklärung gehalten hat und in dem er dafür plädiert, Gemeinden nicht zu entmündigen, sondern zu stärken. Eine Effektivitätssteigerung der „Betreuungskirchen“ hilft uns nicht weiter. „Wir suchen die ’Gemeindekirche’ und finden sie auch. Die Gemeinden sind nicht Ortsvereine der Landeskirche. Und alles, was in den Kirchen oberhalb der Gemeinde vor Ort angebaut worden ist, dient nur der Gemeinde – ansonsten sind es überflüssige Super-Strukturen. … Wo eine Gemeinde aus einer Parochie, das heißt einem kirchlichen Betreuungsbezirk, zu einer Gemeinschaft wird, wird sie selbständig“ (Jürgen Moltmann, aaO). In einem solchen Sozialgebilde, das nicht nur Gemeinde heißt, sondern Gemeinde ist, kann sich Leben entfalten. Eine solche Gemeinschaft kann zur Quelle des Lebens für viele werden.

4. Für das weitere Gespräch sei an die drei Thesen zum Kirchenverständnis erinnert, die der Dietrich-Bonhoeffer-Verein (dbv) bereits 1998 in seiner Resolution „Auf dem Weg zu einer ’Gemeindekirche’“ vorgelegt hat:

„1.Unsere Kirche ist in einer Übergangskrise. Das nicht hinterfragte Festhalten an dem Begriff „Volkskirche“ verstellt den Blick auf die heutige Wirklichkeit von Kirche und Gesellschaft. Der Begriff „Volkskirche“ fördert Mißverständnisse und Illusionen und verlängert eher die Krise, als daß er zu ihrer Lösung beiträgt.

2. Unsere Kirche braucht einen neuen Leitbegriff, der das Selbstverständnis mündiger Christen positiv zum Ausdruck bringt. Als einen solchen Leitbegriff schlägt der dbv den Begriff „Gemeindekirche“ vor. Indem sie miteinander Gemeinde werden, finden Christen den Ort der Gewißheit für ihren Glauben.

3. Der Begriff „Gemeindekirche“ macht Einsichten aus der Theologie Dietrich Bonhoeffers für die anstehenden Strukturreformen der Kirche fruchtbar. Es handelt sich um einen theologischen Begriff, der die Gemeinschaft der Glaubenden und die Verkündigung des Evangeliums in Wort und Tat erneut in den Mittelpunkt stellt.“